"Kunst" gibt es nicht.
Zur erkenntnistheoretischen Auflösung
eines vermeintlichen Gegenstandes
"... gradually moving shades..."
FLOOR
Die Behauptung, es gebe keine Kunst, scheint zunächst wie eine paradoxe Zumutung gegenüber einer jahrtausendealten Praxis der menschlichen Expressionsgeschichte. Tempel, Tragödien, Symphonien, Gemälde – all dies scheint doch eine Sphäre zu bezeichnen, die sich kategorial von bloßen Gebrauchsgegenständen unterscheidet. Und dennoch lässt sich – in erkenntnistheoretischer Diktion – zeigen, dass "Kunst" kein ontologisch eigenständiger Bereich ist, sondern eine tautologische Metonymie von Bewusstseinszuständen, die sich ästhetisch sublimiert verweltlichen. Was wir "Kunst" nennen, ist nicht ein Gegenstand unter Gegenständen, sondern die symbolische Selbstreferenz des Bewusstseins auf seine eigenen Modi des Erlebens.
Man kann sagen, diese These lässt sich genealogisch aus der Kognitions-, Bewusstseins- und Ausdrucksgeschichte des Menschen herleiten.
Gibt es Kunst als Gegenstand?
Erkenntnistheoretisch ist zwischen dem Seienden und dem Geltenden zu unterscheiden. "Kunst" erscheint nicht als eine natürliche Art (species naturalis), wie etwa ein chemisches Element oder ein biologisches Organ. Sie ist keine Eigenschaft, die einem Objekt inhärent zukommt. Ein bemalter Leinwandträger unterscheidet sich physikalisch nicht wesentlich von einem bemalten Straßenschild. Erst durch eine Zuschreibung – durch eine intentionale Rahmung – wird etwas als „Kunstwerk" qualifiziert.
Die Zuschreibung jedoch verweist nicht auf eine objektive Eigenschaft des Gegenstandes, sondern auf einen bestimmten Bewusstseinsmodus des Betrachtenden. Der Kunststatus ist eine Funktion der Intentionalität. Damit ist "Kunst" kein ontologischer, sondern ein transzendentaler Begriff: Er bezeichnet die Weise, wie Bewusstsein sich selbst in seinen Erzeugnissen erkennt und organisiert.
Wenn wir sagen: „Das ist Kunst", so sagen wir implizit: „In diesem Gegenstand begegnet mir ein veräußerter Bewusstseinszustand, den ich als bedeutsam, verdichtet, symbolisch oder ästhetisch erfahre." Der Begriff "Kunst" fungiert hier als Metonymie: Er steht für den geistigen Zustand, der sich im Objekt manifestiert. Und er ist tautologisch, weil wir das Objekt gerade deshalb als Kunst erkennen (wahrnehmen), weil wir in ihm bereits jene ästhetische Verdichtung erfahren, die wir mit "Kunst" identifizieren. Kunst ist, was wir als Kunst erleben. D.h. wir erleben uns selbst.
Vom Reiz zur Selbstbezüglichkeit
In der frühen kognitiven Entwicklung des Menschen – sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch – steht die sensorische Reizverarbeitung im Vordergrund. Wahrnehmung dient der Orientierung und dem Überleben. Erst mit der Ausbildung symbolischer Kompetenz (Sprache, Mythos, Ritual) entsteht eine zweite Ordnung der Wirklichkeitsverarbeitung: das Repräsentieren.
Der entscheidende Schritt ist nicht die Nachahmung (mimesis), sondern die Entkopplung von unmittelbarer Funktionalität. Ein Zeichen verweist nicht mehr bloß auf einen praktischen Zweck, sondern auf eine Bedeutung. Diese Bedeutungsfähigkeit ist der semiotische Ursprung dessen, was später "Kunst" genannt wird.
Doch auch hier gilt: Das Objekt selbst trägt keine „Kunsthaftigkeit" in sich. Es ist das Bewusstsein, das in der symbolischen Repräsentation seine eigene Struktur externalisiert. Ein Höhlenbild ist zunächst eine Spur, eine Markierung, eine symbolische Verdichtung eines Erlebens. Erst im reflexiven Bewusstsein wird es als Ausdruck eines inneren Zustandes verstanden. (Er wird zu einer inneren „Realität").
Die kognitionsgeschichtliche Entwicklung führt somit zu einer zunehmenden Selbstbezüglichkeit: Das Bewusstsein wird fähig, seine eigenen Zustände zu beobachten. "Kunst" entsteht dort, wo diese Selbstbeobachtung nicht nur begrifflich, sondern sinnlich-symbolisch vollzogen wird. Sie ist mithin kein eigenständiges Reich, sondern eine solipsistische Form der metakognitiven Spiegelung.
Die Ästhetisierung der Innerlichkeit
Mit der Ausbildung individueller Subjektivität – besonders in der Neuzeit – verschiebt sich der Fokus von der kosmologischen Ordnung auf das Innere. Die Romantik etwa entdeckt die Innerlichkeit als Quelle des Authentischen. Das „Kunstwerk" wird nun zum privilegierten Medium subjektiver Wahrheit.
Doch genau hier zeigt sich die Tautologie: Das Bewusstsein sucht sich selbst im Objekt. Es externalisiert seine Stimmungen, Konflikte, Sehnsüchte – und erkennt sie im Werk wieder. Der Gegenstand wird zum Träger eines Geisteszustandes. Kunst ist demnach nicht ein Ding, sondern ein Ereignis der „sublimierten Wiedererkennung", seines selbst.
Der ästhetische Akt ist ein Zirkel: Das Bewusstsein projiziert seine Struktur in ein Objekt und nimmt sie in transformierter Form wieder auf. Dieser (rekursive) Zirkel ist nicht defizitär, sondern konstitutiv. Er macht deutlich, dass "Kunst" eine Relation ist – eine bestimmte Konfiguration von Bewusstsein, Objekt und Deutungshorizont.
Insofern existiert Kunst nicht unabhängig vom Bewusstsein. Sie ist keine Sphäre neben Religion, Wissenschaft oder Moral, sondern eine spezifische Weise der Selbstvergegenwärtigung des Geistes.
Vom Außen der Form
Ausdruck ist die elementare Form der Selbstäußerung. Der Schrei des Säuglings ist keine Kunst, sondern ein unmittelbarer Affekt. Doch bereits hier zeigt sich das Grundschema: Ein innerer Zustand wird nach außen verlagert.
Mit zunehmender kultureller Komplexität wird der Ausdruck formalisiert. Rhythmus, Ornament, Narration – all dies sind Techniken der Strukturierung innerer Zustände. Die Form entsteht nicht aus dem Material, sondern aus der Notwendigkeit, das Unbestimmte bestimmbar zu machen.
"Kunst" ist somit ein historisch gewordener Name für hochgradig formalisierten Ausdruck. Aber auch hier bleibt der Kern identisch: Es handelt sich um die ästhetische Verweltlichung von Bewusstseinszuständen.
Die Geschichte der Kunst ist daher weniger eine Geschichte von Stilen als eine Geschichte der Selbstverhältnisse des Bewusstseins. Jede Epoche artikuliert anders, wie sie sich selbst versteht. Das Werk ist Dokument einer Bewusstseinslage, nicht Träger einer ontologisch eigenständigen Qualität.
V. Die Sehnsucht nach dem absolut Fremden
Wenn Kunst nichts anderes ist als die ästhetische Selbstvergegenständlichung des Bewusstseins, warum erscheint sie uns oft als radikal fremd, ja verstörend?
Hier berühren wir den paradoxen Kern unserer Existenz: Das Bewusstsein ist sich selbst niemals vollständig transparent. Es ist zugleich Subjekt und Objekt, Ursprung und Erscheinung. In seinen eigenen Hervorbringungen begegnet es daher dem, was es nicht vollständig kontrollieren kann – dem Unbewussten, dem Nicht-Identischen, dem noch nicht Gedachten.
Unsere Sehnsucht nach dem absolut Fremden ist in Wahrheit die Sehnsucht nach dem unerschlossenen Teil unseres eigenen Bewusstseins. Wir suchen im Werk das, was wir selbst noch nicht sind, aber sein könnten. Die Angst vor dem Fremden hingegen entspringt der Ahnung, dass dieses Andere keine äußere Entität ist, sondern eine Dimension unseres eigenen Selbst die sich – ähnlich der künstlerischen Abstraktionen – in Form von Distorsionen auf einen unbekannten Fluchtpunkt hin verweltlichen kann. (s.SFE).
Das absolut Fremde ist nicht der Andere, sondern das Bewusstsein in seiner eigenen Abgründigkeit. Kunst – als ästhetische Selbstbegegnung – exponiert uns diesem Abgrund. Deshalb fasziniert sie und bedroht zugleich.
Folgerungen
Die Entsubstantialisierung der Kunst
Wenn Kunst kein eigenständiges Sein besitzt, verliert der Streit um ihren „Wert" seine sozio-ontologische Relevanz. Entscheidend ist nicht das Werk als Objekt, sondern die Qualität der Bewusstseinsbegegnung, die es ermöglicht. (SFE) (Ein Kapitalmarkt wäre an sich obsolet)
Die Verantwortung des Rezipienten
Da Kunst eine Relation ist, liegt ihre Wirklichkeit nicht allein im Produzenten. Der Betrachter ist Mitkonstituent. Ästhetische Erfahrung ist ein Akt aktiver Selbstdeutung. (SFE) - (….dafür wäre eine ästhetische Episteme nötig)
Die Auflösung des Genie-Mythos
Das „Genie" erscheint als besonders durchlässiger Knotenpunkt kollektiver und individueller Bewusstseinsstrukturen. Es erschafft nicht ex nihilo (solange nicht klar ist woher und was „Bewusstsein" ist und warum es sich transzendieren kann… ), sondern formt Verdichtungen gemeinsamer Geisteslagen. (SFE) (Die Frage ist, was heisst „Intelligenz", was „Bewusstsein" und was ist das „kollektiv Unbewusste" … ?)
Die Ethik des Fremden
Wenn das absolut Fremde im Bewusstsein selbst gründet, ist jede Begegnung mit ästhetischer Alterität eine Übung in Selbsttranszendenz. Die Angst vor dem Fremden kann in produktive Selbstbefragung transformiert werden. (Die „SelbstFremdheitsErfahrung" als Frage z.B. nach einem Freien Willen…)
Schluss
Es gibt keine Kunst – sofern man darunter eine ontologisch eigenständige Sphäre versteht. Was es gibt, ist Bewusstsein, das sich in Formen auslegt, sich in Symbolen entfaltet, sich in ästhetischen Konfigurationen begegnet. (SFE - als Folge der pränatalen Inkubation des B:s`s selbst…)
"Kunst" ist der Name für diesen Prozess der Selbstverweltlichung. Sie ist weder bloße Täuschung noch bloßes Objekt, sondern ein Ereignis der Selbstreferenz. In ihr sucht das Bewusstsein das, was es ist, und fürchtet zugleich, was es sein könnte.
So bleibt Kunst – gerade in ihrer Nichtexistenz – ein unverzichtbarer Modus menschlicher Selbstverständigung: nicht als Ding, sondern als Spiegel; nicht als Substanz, sondern als Bewegung. Mehr noch als vektorielles Dispositiv des Bewusstseins, genauer: als das eigene, noch unverstandene Fremde des Inneren.